Ultras haben nicht erst seit dem Platzsturm der Frankfurter Anhänger einen schweren Stand in der Öffentlichkeit. Zu Unrecht findet Frank*). Er ist Mitglied der Weekend Brothers, einer Ultra-Gruppe des VfL Wolfsburg, und erklärt wie Gewalt entsteht, das Feindbild Polizei und das soziale Element der Ultrakultur.

Weekend Brothers in Aktion

Foto: privat

Frank, du warst beim letzten Saisonspiel des VfL Wolfsburg in Hoffenheim. Bei den Toren standest du in der feiernden Menge ganz ruhig. Warum?

Frank: Für mich war im Vorfeld dieser Begegnung klar: Ich werde nicht jubeln. Am Spieltag habe ich keinen Alkohol getrunken und später im Fanzug auch die Spieler nicht gefeiert. Es war einfach eine miese Saison. Über das Ergebnis war ich aber natürlich erleichtert.

Fühlst du dich vom VfL Wolfsburg im Stich gelassen?

Frank: Definitiv. Es wurde so viel Geld für Spieler ausgegeben, die auch noch sehr viel verdienen. Gepaart mit einer unglaublichen Arroganz ist das nicht sehr sympathisch.

Was meinst du?

Frank: Wir, die Weekend Brothers, sind mehrmals auf den Verein zugegangen. Es gab Gespräche mit Sascha Riether, Diego Benaglio oder auch Dieter Hoeneß, in denen uns immer das Gleiche gesagt wurde: Wir brauchen euch, ihr müsst hinter uns stehen, wir müssen eine Einheit bilden. Leider hat man auf dem Platz nie etwas davon gesehen. Wir blieben im Gegensatz zu den Frankfurter Ultras aber ruhig.

Es gab keine Randale?

Frank: Nein, auch einen Platzsturm haben wir nie in Betracht gezogen. Wir haben die Mannschaft permanent angefeuert. Es kam aber nichts zurück. Andere Mannschaften bilden eine Einheit, beispielsweise beim Warmmachen, wenn das Team geschlossen aus der Kabine kommt. In Wolfsburg sind der Großteil der Spieler Diven, eben charakterlose Söldner.

Trifft dich dieses Verhalten persönlich?

Frank: Wenn man über Jahre den Verein unterstützt, zu Heim- und Auswärtsspielen fährt, hat man zu dem Klub eine extreme Bindung. Nichts hat in meinem Leben einen vergleichbaren Stellenwert wie der Fußball. Diese Spieler, die den VfL fast absteigen lassen, treten meinen Verein mit Füßen. Ich fühle mich persönlich angegriffen, weil ich für den Verein viel mehr leiste, als die Profis, die vielleicht nur eine Saison bleiben und für die ein Abstieg nichts bedeutet.

Was leistest du für den VfL Wolfsburg?

Frank: Ich fahre zu jedem Spiel, bereite zusammen mit unserer Gruppe Choreographien vor und male Zaunfahnen. Zudem kommt noch die ganze Organisation, beispielsweise von Fahrten. Die Weekend Brothers bringen auch ein eigenes Fanzine raus, für das ich Artikel schreibe. Durchschnittlich kostet mich diese Arbeit täglich zwei Stunden. Das bezieht sich allerdings nur auf die effektive Arbeitszeit. In Gedanken bin ich eigentlich immer beim Verein.

Seit wann bist du ein Ultra?

Frank: Es klingt etwas pathetisch: Ich trage die Einstellung schon mein Leben lang in mir. Ich bin auch als normaler Bürger beispielsweise medienkritisch. Seit ungefähr vier Jahren bin ich bei den Ultras aktiv.

Wie viele Ultras gibt es in Wolfsburg?

Frank: Von den aktiven Fans, also diejenigen, die regelmäßig auch zu Auswärtsspielen mitfahren, sind circa 70 Prozent Ultras. In Kaiserslautern standen 200 Leute im Auswärtsblock, davon waren 150 Menschen Ultras. Das ist aber in jedem Verein unterschiedlich. Bei uns kommt man eigentlich automatisch mit der Szene in Berührung. Bei mir war es ein klassischer Weg.

Was heißt das?

Frank: Ich bin mit meinem Vater als 6-Jähriger zum Fußball gegangen, richtig mit Trikot und Schal. Das ging dann über Jahre so weiter. Irgendwann habe ich Leute von den Ultras kennen gelernt und habe ich mich mit denen auch mal unterhalb der Woche getroffen. Irgendwann gehörte ich dazu und wurde ein Ultra.

Was macht für dich einen Ultra aus?

Frank: Das ist zum einen das aktive Fansein. Man setzt sich aber auch mit Dingen wie dem Kommerz rund um den Fußball kritisch auseinander. Es ist fast politische Arbeit. Wir machen unsere eigene Presse und vertrauen nicht einfach stumpf auf konventionelle Medien. Wir hinterfragen auch die Polizeiarbeit und die Vereinspolitik. Als Ultra versucht man gestaltend in den Verein einzugreifen. Beim Hamburger SV versuchen beispielsweise die Ultras auf den Aufsichtsrat Einfluss zu nehmen.

Ihr seid also ein politischer Akteur im Verein.

Frank: Das Wort politisch im eigenen Sinne ist nicht ganz richtig. Wir ordnen uns keiner politischen Richtung unter. Allerdings nehmen wir Themen, wie die Konsum- oder Medienkritik, auch von anderen Subkulturen auf. Ähnlich wie viele linke Gruppierungen sehen wir die Polizeiarbeit sehr kritisch. Oft ähnelt die Arbeit der Ordnungshüter reiner Schikane, beispielsweise wenn wir ohne ersichtlichen Grund eingekesselt werden. Durch solche Aktionen macht sich die Staatsmacht selbst zum Feindbild.

Euer Auftreten ähnelt von der Kleidung eher dem schwarzen Block. Kutten sind nicht mehr angesagt. Warum tragt ihr keine Trikots oder Schals?

Frank: Ich bemühe mich immer ein paar Vereinssachen am Spieltag zu tragen. Allerdings sind das keine offiziellen Merchandise-Artikel vom VfL Wolfsburg. Die werden von uns komplett boykottiert. Sie sind übertrieben teuer – Trikots kosten heute 80 Euro. Durch einen Kauf unterstützt man die große Geldmacherei, die hinter dem Fußball steckt.