Peter Neururer gilt als Sprücheklopfer der Fußballszene. Zu Unrecht findet der Trainer und erklärt im Interview den größten Fehler seiner Karriere, wie er einst den Präsidenten des 1. FC Saarbrücken blendete und den Gefahrenfaktor Clemens Tönnies für den Profi-Fußball.

Peter Neururer: „Die Fans wollten mich tanzen sehen”

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Peter Neururer, hat ein Trainer ein Verfallsdatum?

Peter Neururer: Nein, außer die eigene Gesundheit. In Krisensituationen setzt ein Verein auf Erfahrung. Auch ältere Trainer und erfahrene Männer sind gefragt.

Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Robin Dutt gelten als neue Generation von Trainern und sind heiß begehrt.

Peter Neururer: Das ist doch nicht neu. Es wird nur so dargestellt. Wenn ich 20 Jahre zurückdenke, waren es die Trainer Christoph Daum oder Peter Neururer, die als besonders innovativ galten. Diese neuen Trainer sind kein neuer Trend. Es ist nur eine Darstellung.

Was meinen Sie?

Peter Neururer: Wenn ich erfolgreich bin, spricht man vom Motivationskünstler. Bleiben die Siege aus bin ich der Sprücheklopfer. Wie meine Arbeit konkret mit der Mannschaft aussieht, wissen nur die wenigsten. Ein Urteil gibt es trotzdem. Ich werde beispielsweise immer auf meine Tanzerei beim VfL Bochum angesprochen.

Die ist legendär.

Peter Neururer: Es weiß aber niemand, warum ich das gemacht habe.

Klären Sie uns bitte auf.

Peter Neururer: Wir haben mit dem VfL Bochum im Februar 2004 in Leverkusen gewonnen. Die Fans und die Mannschaft feierten frenetisch. Unsere Spieler Sunday Oliseh, Raymond Kalla und Mamadou Diabang tanzten sogar vor dem Block.

Und Sie wollten mitmachen?

Peter Neururer: Überhaupt nicht. Ich wollte mir das nicht antun. Tänzerisch konnte ich mit den Dreien auch nicht mithalten. Der Sieg gehörte der Mannschaft und ich zog mich direkt nach dem Abpfiff in die Kabine zurück. Irgendwann kam unser Pressesprecher zu mir und sagte: „Trainer Sie müssen zurück. In der Kurve eskaliert es sonst.“

Die Menge forderte Sie.

Peter Neururer: Und wie! Die Menschen standen auf den Zäunen und riefen: „Wir wollen dich tanzen sehen“. Daraufhin habe ich drei oder vier eigenartige Schritte gemacht – die Situation sollte nicht eskalieren. Aus dieser Nummer wurde in Bochum ein Kult. Die Fans wollten mich tanzen sehen.

Die Bilder vom tanzenden Trainer haben sich in den Köpfen eingebrannt.

Peter Neururer: Ehrlich gesagt: Es war der größte Fehler meiner Karriere. Diese Szenen wurden mir bei Misserfolg immer vorgehalten. Und trotzdem würde ich es in so einer Situation immer wieder machen. Diese Geschichte zeigt aber, dass man immer von außen beurteilt wird und einem Etiketten angehaftet werden. Im Erfolg der Motivationskünstler, im Misserfolg der Sprücheklopfer.

Wie beurteilen Sie dann den Hype um die Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel?

Peter Neururer: Jeder Hype ist nur abhängig vom Erfolg! Nehmen wir das Beispiel Thomas Tuchel. Der hat einen erfolgreichen Trainer Jörn Andersen in Mainz abgelöst. Die Mannschaft hat nicht Tuchel, sondern Andersen aufgestellt. Das darf man nicht vergessen.

Diese Mainzer Mannschaft spielt aber gerade unter Thomas Tuchel sehr erfolgreich Fußball.

Peter Neururer: Dazu kann man ihm auch gratulieren. Stellen Sie sich aber vor, die ersten Partien wären verloren gegangen. Herr Tuchel wäre nie wieder in der Bundesliga aufgetaucht. Andere Trainer werden mal als positiv, mal als negativ verrückt dargestellt.

Sie meinen Jürgen Klopp, nachdem er in Köln so heftig gejubelt hat?

Peter Neururer: Beispielsweise. Menschen, die sich darüber aufregen, haben noch nie in einer solchen Situation gesteckt und keine Ahnung vom Fußball. Kloppo lebt seine Emotionen aus und ist authentisch. Was will man mehr? Mir sind solche Trainer lieber, als ein Schauspieler, der eine Rolle vorgibt.

Was sagt das über den Beruf des Trainers aus?

Peter Neururer: Man muss damit klar kommen, dass man zu etwas gemacht wird. Als Trainer ist man brutal abhängig von Ergebnissen und nicht von seiner Arbeit. Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben.

Sind die Ergebnisse nicht das Resultat der eigenen Arbeit?

Peter Neururer: In Bochum bin ich in einer ausweglosen Situation aufgestiegen. Eine Saison später feierten wir den Titel Ruhrgebietsmeister und zogen in den Europa-Pokal ein. In der darauffolgenden Spielzeit ist der VfL abgestiegen. In der ganzen Zeit habe ich aber meine Arbeit nicht verändert. Sie wurde nur anders dargestellt.