Die WM 2011 soll Mädchen und Frauen für den Fußball begeistern. Tugba Tekkal geht einen anderen Weg. Die Spielerin des 1. FC Köln beendet mit 26 ihre Karriere. Ein Gespräch über den hohen Aufwand als Frau in der Männerdomäne Fußball, den Widerstand gegen die eigenen Eltern und die Attraktivität der deutschen Frauen Nationalmannschaft.

Tugba Tekkal (r.) im Zweikampf mit Alexandra Popp

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Tugba Tekkal, Sie haben zehn Geschwister. Wurde Ihnen das Elf-Freunde-Gefühl schon in die Wiege gelegt?

Tugba Tekkal: Meine Eltern waren von meiner Fußballleidenschaft eher nicht begeistert. Es war schwierig für sie.

Warum?

Tugba Tekkal: Sie wollten, dass ich mit Puppen anstatt mit dem Ball spiele. Ganz ehrlich: Sie haben es nicht gerne gesehen. Wenn ich mit Schrammen an Armen und Beinen nach Hause kam, hieß es: Das macht man nicht. Durch meine Brüder bin ich auch zum Fußball gekommen.

Wie das?

Tugba Tekkal: Sie haben mich mitgenommen. Wir haben auf der Straße gespielt, ich als einziges Mädchen unter den ganzen Jungs.

Ihre Eltern waren von Ihrem Spaß am Fußball nicht begeistert. Wie sah es bei den Jungs auf der Straße aus?

Tugba Tekkal: Die konnten sich auch etwas Schöneres vorstellen, als mit einer Achtjährigen zu spielen. Sie sagten immer zu meinen Brüdern: „Wir wollen ihr nicht weh tun.“ Eigentlich sehr rücksichtsvoll. Als sie aber gesehen haben, was ich am Ball kann, wurde ich akzeptiert. Irgendwann riefen sie nur noch mich an, um zu fragen, ob ich mit ihnen Fußball spiele. Meine Brüder waren nicht mehr angesagt.

Waren Sie besser?

Tugba Tekkal: Das würde ich nicht sagen. Für eine Frau war ich aber gut.

Ab wann haben Sie im Verein gespielt?

Tugba Tekkal: Mit 17 bin ich zum TSV Havelse gegangen. Eigentlich hatte ich auf den Vereinssport keine Lust. Als ich mich dann doch entschied, ging es voll ab.

Was heißt das?

Tugba Tekkal: Wir sind mit der Mannschaft jedes Jahr aufgestiegen, bis wir irgendwann in der vierten Liga waren. Und dann kam das Angebot vom Hamburger SV. Ich war 21 und sollte dort für die zweite Mannschaft verpflichtet werden. Die spielte immerhin auch in der zweiten Liga. Nach einem halben Jahr wurde ich in die erste Mannschaft gezogen und war auf einmal Bundesligaspielerin.

Ein steiler Aufstieg.

Tugba Tekkal: Auf jeden Fall. Mir wurde in dieser Zeit zum ersten Mal bewusst, dass ich hätte mehr erreichen können, wäre ich früher in einem Verein gefördert worden.

Wie reagierten Ihre Eltern?

Tugba Tekkal: Wäre ich zum Studium nach Hamburg gegangen, hätten sie damit kein Problem gehabt. Aber um Fußball zu spielen? Das gehört sich für eine Frau nicht. Als ich sie aber bei einem Spiel des HSV am Rand gesehen habe, wusste ich, dass sie meine Entscheidung akzeptieren. Sie hatten auch keine andere Möglichkeit.

Warum?

Tugba Tekkal: Ich habe mich ja schon früher über sie hinweggesetzt und weitergespielt. Ich hätte mit dem Fußball nicht aufgehört.

Das Aufbegehren gegen die Eltern oder das große Geld können Sie nicht nach Hamburg gelockt haben. Warum wechselten Sie in die Hansestadt?

Tugba Tekkal: Mit dem HSV konnte ich mehr erreichen und mich als Sportlerin weiterentwickeln. Es ist doch verlockend auf einem höheren Niveau zu spielen. Ich liebe Herausforderungen.

Es gibt wenige Fußballerinnen, die von Ihrem Talent leben können. Wie finanzierten Sie diesen Schritt?

Tugba Tekkal: Ich wurde ein bisschen vom Verein finanziell unterstützt. Entscheidend war aber, dass der HSV sich sofort bemüht hat, mir eine Arbeitsstelle zu suchen. In Hamburg habe ich als Sport- und Fitnesskauffrau gearbeitet.

Nach Ihrer Hamburger Zeit wechselten Sie zur Saison 2009/10 zum 1. FC Köln in die zweite Liga. Wie groß ist das Leistungsgefälle zwischen der ersten und den beiden zweiten Ligen (Anm. d. Red. Nord und Süd) im Frauenfußball?

Tugba Tekkal: Sehr groß. Teams, die in der zweiten Liga eine entscheidende Rolle spielen, haben in der ersten Liga keine Chance. Das aktuelle Beispiel ist der Aufsteiger Herforder SV. Die Mannschaft hat in der kompletten Bundesligasaison nur fünf Punkte ergattert und stieg gleich wieder ab. In ihrer Aufstiegssaison, ein Jahr zuvor, sind sie ohne Niederlage Meister in der zweiten Liga Nord geworden. Dieses Gefälle ist aber nur logisch.

Warum?

Tugba Tekkal: In der ersten Liga haben die Vereine mehr Geld und können bessere Strukturen schaffen. Der große Unterschied zwischen den beiden Ligen ist ein finanzieller. Daraus resultieren dann die Schwächen in anderen Bereichen.