Der Mann sucht Herausforderungen. Als Profi spielte René Tretschok für Borussia Dortmund, den 1. FC Köln und Hertha BSC und trainiert heute die A-Jugendlichen der Berliner. Im Interview spricht er über die Arbeit mit Posterboys, das heiße Pflaster Köln und das Image der Boateng-Brüder.

René Tretschok an der Linie

Foto: imago

René Tretschok, haben Sie einen Hang zu Problemfällen?

René Tretschok: Eigentlich nicht. Wirke ich so?

Sie setzen sich als A-Jugendtrainer mit Jungs aus dem von U-Bahnschlägern, Rütlischülern und Schwerstkriminellen verseuchten Berlin auseinander.

René Tretschok: Da haben Sie ein völlig falsches Bild. Man hat diese Stadt immer mit den Boateng-Brüdern verbunden, die nicht in einem optimalen Licht dargestellt wurden. Man kann diese Generation aber nicht mit der heutigen vergleichen. Die jetzigen Spieler sind unproblematischer. Berlin ist sehr ruhig geworden.

Was war zu Zeiten der Boateng-Brüder anders?

René Tretschok: Das war eine goldene Generation für Hertha BSC, in der Spieler wie Jerome und Kevin Boateng, Christian Müller, Sejad Salihovic oder Ashkan Dejagah spielten. Ich glaube mit den Jungs war es ein bisschen problematischer, denn diese Spieler wussten damals schon, was sie können. Ich war damals selber noch Profi und habe gemerkt, dass die Jungs schon ganz genau wussten, wo der Hase lang läuft und sich so auch präsentierten.

Vor Ihrer Zeit in Berlin spielten Sie beim 1. FC Köln. Klären Sie uns auf: Warum ist die Domstadt so ein unruhiges Pflaster?

René Tretschok: Es ist ganz einfach: Wenn man ein Spiel gewinnt, ist man Meisterschaftsfavorit, verliert die Mannschaft, ist sie ein Abstiegskandidat. Dieses Problem wird hauptsächlich von außen in den Verein getragen. In dieser Medienstadt ist der Erwartungsdruck extrem hoch. Zudem kommt noch die extrem erfolgreiche Vergangenheit, die dem FC heute mächtig aufs Gemüt drückt. Die Stadt wartet sehnsüchtig auf Platz vier oder fünf. Mit dem tollen Stadion, den großartigen Fans und der lebenswerten Stadt hat man eigentlich alles, um erfolgreich Fußball zu spielen. Man schwelgt aber leider zu oft in der Vergangenheit.

Was meinen Sie?

René Tretschok: Sobald der Verein in der Bundesliga spielt, ist mit der Tradition des FC die Mannschaft ein Meisterschaftskandidat. Das sind Gedanken aus den Overath-Zeiten. Positiv ausgedrückt herrscht dort ein großes Selbstvertrauen. Man muss aber realistisch bleiben und sehen, dass Köln nicht die finanziellen Mittel hat, um eine Mannschaft aufzubauen, die konstant oben mitspielt. Man könnte mit Kontinuität etwas aufbauen. Als Trainer ist man aber beim FC sehr schnell in der Kritik. Das beste Beispiel ist der aktuelle Trainer. Nach den ersten drei Spielen stellte man die Qualitäten von Stale Solbakken schon in Frage.

Wie haben Sie das in Ihrer Zeit erlebt?

René Tretschok: Ich war sehr erschrocken. Wir haben damals im UI-Cup gespielt und hätten uns für den UEFA-Cup qualifizieren können. Im Halbfinale sind wird gegen Montpellier HSC leider ausgeschieden. Nach dem zweiten Spiel in der Liga, das wir nicht gewonnen hatten, flogen dann Steine an den Bus. Da habe ich gemerkt: In Köln ticken die Uhren anders. Die Medien spielen dort eine gewichtige Rolle. Sie spielen mit dem Verein und der Club kommt nicht zur Ruhe.

Sie wechselten damals vom 1. FC Köln zu Hertha BSC. Sehen Sie Parallelen zwischen diesen beiden Clubs?

René Tretschok: Nein, Berlin ist auch eine Medienstadt, im Gegensatz zu Köln aber sehr ruhig. Deshalb fühle ich mich hier auch heute noch wohl.

Im zweiten Teil des Interviews spricht René Tretschock über seine Arbeit als Jugendtrainer und das Scheitern eines Schützlings.