Seit dem Bekenntnis des Schalker Trainers Ralf Rangnick und des 96-Keepers Markus Miller zum Burnout wird wieder vermehrt über die Belastungsfähigkeit im Profifußball gesprochen. Ansgar Brinkmann schützte sich mit seiner Leidenschaft vor ähnlichen Phasen. Ein Gespräch über Hilflosigkeit und großes Selbstvertrauen.

Ansgar Brinkmann (mitte)

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Ansgar Brinkmann, zum Fußball-Geschäft gehört der Leistungsdruck, die Status-Ungewissheit und die Angst vor der Auswechselbarkeit. Wie sind Sie als Spieler damit umgegangen?

Ansgar Brinkmann: Es gab bei mir nie den Druck oder die Sorge nicht aufzulaufen. Normalerweise habe ich gespielt. Ich habe aber Mitspieler erlebt, die zwischen dem Spielfeld, der Ersatzbank oder der Tribüne immer pendelten. Diese Jungs standen unter einem anderen Druck.

Haben Sie mit diesen Spielern darüber sprechen können?

Ansgar Brinkmann: Das wurde nie thematisiert.

Es gab keine offene Unzufriedenheit?

Ansgar Brinkmann: Klar habe ich mitbekommen, wenn sich jemand beschwert hat: „Der Trainer versteht mich nicht. Ich bin im falschen Verein. Der Rasen ist zu hoch. Die Sonne ist zu heiß.“ Das gehörte aber dazu. Wenn wir aber über Druck sprechen, muss klar sein, dass es verschiedene Arten von Druck gibt und jeder diesen anders wahrnimmt. Ein gutes Beispiel ist Robert Enke.

Was meinen Sie?

Ansgar Brinkmann: Er war Nationaltorhüter und für die WM 2010 fest eingeplant, zudem noch Stammspieler bei Hannover 96. Finanziell hatte er bestimmt auch keine Sorgen. Robert Enke litt unter Depressionen. Das war das Problem. Leider verträgt sich diese Krankheit nicht mit dem Profifußball. Das zeigt die dumme Parole: Fußball ist ein Männersport. Ich hoffe, dass die Bundesliga dazu lernt.

Gab es Phasen in Ihrem Leben, in denen Sie das Gefühl hatten, dass Sie dem Fußball-Geschäft nicht mehr gewachsen sind?

Ansgar Brinkmann: Nein. Meine Leidenschaft für den Fußball hat mich immer davor bewahrt. Es klingt vielleicht etwas simpel, aber ich habe mir immer das Schöne bewahrt und mir keine Gedanken darüber gemacht, was nicht gut läuft.

Wie haben Sie das geschafft?

Ansgar Brinkmann: Selbstvertrauen. Jeder, der meine Art zu spielen kennt, wird das bestätigen. Ich habe nie an mir gezweifelt. Mein Motto: Den Mutigen gehört die Welt. Ich kann in diesem Leben nur gewinnen. Diese Leichtigkeit hat aber definitiv nicht jeder.

Haben Sie einfach Glück gehabt?

Ansgar Brinkmann: Natürlich reflektiere ich meine aktuelle Situation und Vergangenheit. Ich erlebte zwar im Fußball keinen Druck, dafür aber in anderen Bereichen meines Lebens. In depressive Phasen kann man sehr schnell gelangen. Gegen solche Dinge kann man sich nicht wehren.

In der Berichterstattung fällt aktuell immer wieder der Begriff „Burnout“. Ist dieses Phänomen neu?

Ansgar Brinkmann: Burnout, Depression. Ich bin kein Fachmann und kann daher nicht klar differenzieren. Das überlasse ich den Experten. Natürlich kenne ich aber diesen Druck und dieses Unbehagen. Fußballprofi zu sein bedeutet nicht nur, dass man viel Geld und Anerkennung verdient. Es heißt auch ständig kritisiert und beobachtet zu werden. Jeder Fehler wird mal hundert multipliziert und ausdiskutiert. Mitleid ist aber nicht immer angebracht.

Wie ist das zu verstehen?

Ansgar Brinkmann: Eigentlich ist es kein Problem, wenn ein Trainer entlassen wird. Der Herr bekommt eine Abfindung von zwei Millionen Euro. Wie geht es denn dem Nachbarn in der Straße nebenan, der seinen Job in einer Firma verliert und ohne große Abfindung dasteht. Da ist mein Mitleid wesentlich höher. Problematisch ist es aber, wenn der Druck des Profifußballs einen Menschen krank macht.

Im zweiten Teil spricht Ansgar Brinkmann über die Machtlosigkeit der Vereine.